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ERFAHRUNGSBERICHTE 1

Ileana, was hat sich in deinem Leben seit Beginn des Stipendiums verändert?
Um ehrlich zu sein, praktisch alles. Seitdem ich das Stipendium habe, muss ich mich nicht mehr darum sorgen, dass ich vielleicht einen Samstag nicht zur Uni fahren kann, Praktika verpasse oder Aufgaben nicht machen kann, weil ich das Geld für die Fahrt nach Estelí nicht habe. Durch das Stipendium verspäte ich mich auch nicht mehr mit der Zahlung meiner Monatsbeiträge für die Uni. Das Stipendium hat mir wirklich sehr geholfen und ich bin dem MIRIAM-Projekt sehr, sehr dankbar für diese Chance.

Was war für dich in deiner Entwicklung als Frau besonders wichtig?
Als Frau denke ich, dass es für uns sehr wichtig ist, unsere Rechte zu kennen und dass wir lernen, uns ständig weiterzuentwickeln. Viele Frauen in unserer Gesellschaft sind immer noch passiv und akzeptieren so ungewollt den Machismo. Diese Frauen fühlen sich nicht fähig, den Männern bzw. dem Machismo entgegenzutreten. Wir Stipendiatinnen haben durch die Ausbildung beim MIRIAM-Projekt unsere Rechte kennengelernt und wissen, dass wir Frauen genau so viel Wert sind wie Männer.

Wir Frauen müssen erkennen, dass wir nicht unwichtig - sondern ganz im Gegenteil - für den Wandel in dieser Gesellschaft unabdingbar sind. Dies zu erkennen, war für mich sehr wichtig in meiner Entwicklung als Frau und auch im Hinblick auf meine Zukunft als Fachfrau. Hier im Projekt helfen sie jeder einzelnen von uns sich weiterzuentwickeln – jeweils abgestimmt auf ihre Bedürfnisse. Sie zeigen uns, wie wir stärker werden und unsere Rechte verteidigen können.

Viele Frauen denken, dass sie das alleine nicht schaffen können. Sie bleiben bei ihren Ehemännern, obwohl sie sie schlecht behandeln, denn sie denken, dass sie im Falle einer Scheidung nicht ohne ihn zurechtkommen würden. Doch das ist falsch. Wir Frauen sind stark. Egal, was wir uns vornehmen, sei es einen neuen Beruf zu erlernen oder unseren Kindern das Studium zu finanzieren - wir können unsere Ziele erreichen, auch ohne einen Mann an unserer Seite. Wir sind Menschen mit besonderen Fähigkeiten und wie ich immer zu sagen pflege: Gott gab dem Mann die Kraft und der Frau die Intelligenz.

Ileana Mercedes Ramírez Cruz
Achuapa, Dpto. de León
Absolventin Diplomkrankenpflege
(UNACAD Estelí)

ERFAHRUNGSBERICHTE 2

María*, Klientin der Rechts- und psychologischen Beratung von MIRIAM, ist 46 Jahre alt, kommt aus Somotillo und hat zwei Kinder.

María*, wie haben Ihnen die Frauen, die Sie im MIRIAM-Projekt betreut haben, geholfen?
Als ich zum MIRIAM-Projekt kam, war ich ziemlich traumatisiert. Ich habe als Erstes psychologische Betreuung bekommen, die mir sehr geholfen hat. Dann fasste ich Mut, meinen Exmann auf Unterhalt für die Kinder zu verklagen. Überhaupt finde ich, dass jeder und jedem im MIRIAM-Projekt geholfen wird. Man fühlt sich gut aufgehoben und beschützt und weiß, „wenn ich dort hingehe, dann wird mir sicher geholfen“. So erging es mir. Ich spürte die Hilfe und auch die Veränderung in mir selbst, denn zum ersten Mal hörte mir jemand richtig zu und nahm sich meiner Probleme an.

Wie haben Sie sich während der Betreuung gefühlt?
Die Anwältin von MIRIAM ist eine sehr freundliche Frau, jemand, dem man vertrauen kann, genauso wie allen anderen des Teams, die hier arbeiten. Die Betreuung im Projekt ist sehr gut. Sobald man reinkommt, wird man mit einem freundlichen „Guten Morgen, was wünschen Sie?“ oder mit einem „Wie können wir Ihnen weiterhelfen?“ begrüßt. Man denkt sich sofort: „Ah, hier wird mir geholfen.“ Als ich das erste Mal hergekommen bin und eine Mitarbeiterin des Projekts sich mein Problem angehört hat, sagte sie mir, dass ich psychisch sehr belastet sei und daher erst einmal mit der Psychologin sprechen sollte. Es gibt auch einen privaten Bereich für die Betreuung und das ist sehr gut, denn so fühlt man sich frei zu sprechen und alles zu sagen, was einen schon lange bedrückt.

Was haben Sie durch das MIRIAM-Projekt gelernt?
Als erstes lernte ich “Nein” zur wirtschaftlichen Gewalt und Unterdrückung, danach "Nein" zur psychologischen Gewalt zu sagen. Das habe ich durch das Projekt gelernt und genauso, dass wir Frauen im Leben weiterkommen und viel leisten können!

* Name geändert

ERFAHRUNGSBERICHTE 3

María ist 19 Jahre alt, eine engagierte und lebhafte junge Frau mit einer kleinen Tochter von zwei Jahren.

María hat jung geheiratet, war sehr verliebt und hatte viele Illusionen. Nach der Geburt der gemeinsamen Tochter emigrierte ihr Mann nach Costa Rica, um Geld zu verdienen. María blieb im Haus der Schwiegereltern wohnen, das in einer sehr entlegenen Landgemeinde liegt, fast drei Stunden Fußmarsch vom Dorf Achuapa entfernt.

Dort machte ihr ein Bursche schöne Augen und wollte sie überreden, ihren Mann zu verlassen und mit ihm zusammenzuziehen. María hat ihm immer wieder gesagt, dass das für sie nicht in Frage käme, worauf der junge Mann drohte, dass sie, egal wie, im Guten oder im Bösen die Seine werden würde.

Eines Tages, María war gerade auf dem Heimweg zu ihren Schwiegereltern, überfiel sie der Mann, zerrte sie ins Gebüsch, riss ihr das Kleid herunter und vergewaltigte sie. Ihre Hilferufe verhallten ungehört. Doch damit nicht genug, der Vergewaltiger fotografierte sie nackt mit seinem Handy und sagte ihr, dass, wenn sie irgendjemandem von dem Vorfall erzähle, ihrer Tochter das Gleiche passieren würde.

María stand unter Schock und wagte nicht, irgendjemandem etwas zu sagen. Sie lebte in der ständigen Angst, dass es wieder passierten könnte, konnte nicht mehr schlafen, verlor den Appetit und hatte ständig Flashbacks an den schrecklichen Vorfall, ihr ganzer Körper war in ständiger Angst und Alarmbereitschaft.

Zu Weihnachten kam ihr Mann aus Costa Rica zu Besuch. Und der Vergewaltiger zeigte ihm die Fotos und sagte, dass seine Frau es freiwillig gemacht und ihn betrogen hätte. María sagte ihm die Wahrheit, er glaubte ihr, und beide gingen zur Polizei in Achuapa, um Anzeige zu erstatten. Der Polizeibeamte nahm die Anzeige zu Protokoll und schickte María zum MIRIAM-Projekt, damit die Anwältin und die Psychologin ihr zur Seite stehen könnten.

Marías Mann jedoch verließ sie plötzlich mit dem Argument, dass es zwar schrecklich sei, was ihr passiert wäre, dass er aber niemals mit einer Frau zusammenleben könnte, mit der ein anderer Mann „gespielt hätte“, seine Frau dürfe niemals mit einem anderen Mann als mit ihm eine sexuelle Beziehung haben.

Da brach für María die Welt zusammen. Durch die Vergewaltigung war ihr Leben zerstört worden und in der Gemeinde, wo sie lebte, sagten die Leute, dass sie wohl selbst an der Vergewaltigung schuld gewesen wäre, weil sie als attraktive Frau durch ihre Kleidung und wie sie sich zurechtgemacht hatte immer schon eine „Männerverführerin“ war und sie sich das Geschehene jetzt selbst zuzuschreiben hätte.

María hat durch Psychotherapie im MIRIAM-Projekt und Unterstützung ihrer Freundinnen zu einem neuen Anfang gefunden, heute lebt sie wieder bei ihrer Mutter und wartet auf die Verurteilung des Aggressors, der immer noch frei herumläuft.

 

ERFAHRUNGSBERICHTE 4

Leonie ist 19 Jahre alt, kommt aus Achuapa und hat ein einjähriges Baby

Als Leonie 16 Jahre alt war, verliebte sie sich in den Polizisten Freddy, der um vieles älter war als sie. Die Beziehung wurde geheim gehalten, denn Leonies Mutter wäre niemals damit einverstanden gewesen.

Leonie war sehr verliebt in Freddy, sie bewunderte ihn wegen seiner Uniform und seiner Position im Dorf. Er hingegen demütigte sie, sooft sich eine Gelegenheit ergab, und beschuldigte sie, Beziehungen zu anderen Männern zu haben, während in Wirklichkeit er selbst eine mit Leonies Cousine hatte. Freddy nutzte die Unerfahrenheit und Naivität Leonies aus, der es psychisch immer schlechter ging. Eines Tages, in der Zwischenzeit waren schon zwei Jahre vergangen, bemerkte ihre Mutter, was mit ihrer Tochter los war: sie weinte viel, ging nicht mehr mit ihren Freundinnen weg und hatte ihre Fröhlichkeit verloren. Leonie war schwanger.

Freddy stritt die Vaterschaft vehement ab und nannte sie eine “Verrückte, die mit anderen Männern ging“, niemals hätte er mit ihr eine Beziehung gehabt.

Da war es für Leonies Mutter zu viel und sie wandte sich ans MIRIAM-Projekt um Hilfe. Die Psychologin hatte viele Gespräche mit Leonie, die verwirrt und verunsichert war und glaubte, Freddy immer noch zu lieben. Doch nach einiger Zeit erkannte sie, dass das, was sie erlebte, psychologische Gewalt war und sie sich dagegen wehren müsse. Als ihr Baby geboren war, klagte sie Freddy auf Anerkennung der Vaterschaft und Alimente.

Leonie wartet noch auf ein Urteil in ihrem Prozess, hat wieder Lebensmut bekommen und kann sowohl auf die Unterstützung von MIRIAM als auch auf die ihrer Mutter zählen, die mit ihr diese schwere Zeit durchstehen werden.

Freddy wurde in der Zwischenzeit seines Postens enthoben und versetzt.

Zur Situation in Achuapa:

65% der Bevölkerung des Gemeindegebiets von Achuapa leben in insgesamt 47 ländlichen Siedlungen oder kleinen Dörfern, die teilweise nur in stundenlangen Fußmärschen oder zu Pferd erreichbar sind und in der Regenzeit vom Ort Achuapa abgeschnitten sind. Das macht es für VertreterInnen von staatlichen Institutionen, vor allem für die Polizei sehr schwierig, dort regelmäßig präsent zu sein.

Durch diese Situation sind Frauen noch stärker als anderswo dem Risiko ausgesetzt, Opfer von einer der verschiedenen Formen von Gewalt zu werden. Dem Machismo der Männer mit ihren entwürdigenden Ansichten über Frauen und dem Anspruch auf totale Kontrolle über ihr Leben haben sie, auch und besonders aus Unwissenheit, nichts entgegenzusetzen, da es „immer schon so war und man nichts dagegen tun kann.“

Aufgrund jahrhunderterlanger Gewohnheiten werden der männliche Macht- und Unterwerfungsanspruch an vielen Orten immer noch von den Frauen, Mädchen und Jugendlichen selbst toleriert. Zum Beispiel, wird es als „normal“ angesehen, dass ein (junger) Mann seine Freundin „raubt“ und in sein Haus bringt, denn das „passiert ja sowieso einmal.“ Die Frau muss dem Mann dienen, ihm sexuell zur Verfügung stehen und ihm Kinder gebären. Das ist ihre Bestimmung.

Ihre eigenen Interessen, ihr Wunsch nach Bildung, Selbstbestimmung über ihr Leben und ihren Körper, Weiterentwicklung und Berufstätigkeit zählen nicht.

In der Erhaltung und Fortführung dieses System spielen gerade auch die Frauen eine große Rolle. Die Frauen der Familie, oft der älteren Generation, haben einen fixen Werte- und Verhaltenskodex für die jüngeren Frauen, wie sie sich zu verhalten haben, was sie dürfen oder nicht, was „schicklich ist“ und was nicht und setzen diesen gegenüber ihren eigenen Töchtern nur zu oft mit psychologischem (oder auch physischem) Druck durch. Abweichendes „unbotmäßiges“ Verhalten, Kleidung oder Aussehen wird mit sozialer ächtung bestraft, gewalttätige übergriffe der Männer durch das „Fehlverhalten der Frauen“ gerechtfertigt, auch und gerade von Frauen.

Aus diesen Gründen ist es für uns als MIRIAM-Projekt so wichtig, in diese ländlichen, abgelegenen Gebiete zu kommen und dort Frauen wie Männer für die Menschen- und besonders Frauenrechte zu sensibilisieren. Wir sprechen mit ihnen in klaren Worten über die verschiedenen Formen innerfamiliärer Gewalt, über den Machismo, Gleichberechtigung und Empowerment, entlarven Mythen, bekämpfen Unwissenheit und klären über die Gesetzeslage in Nicaragua auf. Unser Ziel ist, Frauen und Männern zu vermitteln, dass jeder und insbesondere jede Frau von Achuapa das Recht auf ein Leben in Würde, frei von Unterdrückung und Gewalt hat.

Wie jeder sozialpsychologische Lernprozess aus Analysieren, Hinter-sich-lassen alter Schemata und Vorurteilen und dem Neugestalten von Lebensentwürfen besteht, so ist der Zeitfaktor auch ein wichtiges Element bei der Veränderung von alt eingesessen Werten, Gewohnheiten und ungerechten Strukturen. Daher ist die kontinuierliche Arbeit des MIRIAM-Teams sowohl in der Gewaltprävention durch die Workshops und Vorträge mit anschließenden Diskussionen, als auch in der Rechtsberatung und psychologischen Betreuung von betroffenen Frauen, Kindern und Jugendlichen von großer Bedeutung für die Durchsetzung von Frauenrechten und die schrittweise Gestaltung einer neuen Gesellschaft.

Licda. Claudia López Medina
Psychologin von MIRIAM-Achuapa
übersetzung ins Deutsche: Dr. Doris Huber, MIRIAM-Österreich