ERFAHRUNGSBERICHTE 1

Genoveva Velásquez Reynoso, 44,
Sozialarbeiterin mit Schwerpunkt Sozialforschung

Wie sah deine persönliche Situation aus, bevor du das Stipendium von MIRIAM erhalten hast?
Es war wirklich schwierig für mich. Ich stamme aus der Region Quiché und habe den ganzen Krieg miterlebt. Durch den Krieg war ich von meinen Eltern getrennt worden und von klein auf habe ich mich alleine durchkämpfen müssen. Ein Stipendium der Pfarre San Lucas Tolimán ermöglichte mir einen Abschluss als Sekretärin. Ich bekam Arbeit und begann an der Universität Rafael Landívar Sozialarbeit zu studieren. Ich schloss das Studium mit dem Bachelor ab, hatte einen Job aber nicht genug Geld um weiterzustudieren, als ich eines Tages MIRIAM kennen lernte.

Wie veränderte sich deine Situation mit dem Stipendium?
Das Stipendium hat mir geholfen, meinen Traum vom Abschluss mit dem Magisterium zu verwirklichen. Ich bezweifle, dass ich das alleine geschafft hätte. MIRIAM ist praktisch aufgetaucht und hat mir meinen Traum ermöglicht, deswegen bin ich heute da, wo ich bin!

Was hast du mit dem Stipendium studiert und wo arbeitest du zurzeit?
Ich habe Sozialarbeit mit Schwerpunkt Sozialforschung studiert. Momentan arbeite ich in der Planungs- und Programmstelle der Präsidentschaftskanzlei (SEGEPLAN). Ich arbeite seit drei Jahren dort, und seit drei Monaten bin ich Direktorin der Abteilung für territoriale Planung und leite den Planungsprozess von 33 Gemeinden und 22 Bezirken. Ich bin für 300 MitarbeiterInnen innerhalb der Institution verantwortlich. Zu meinen Hauptaufgaben gehören: 1) Die Ausarbeitung von territorialen Strategien auf Bezirks– und/oder Gemeindeebene, auch im Falle von „Mancomunidades“, wo sich mehrere Gemeinden zusammengeschlossen haben und Projekte planen und durchführen. 2) Es ist meine Verantwortung darauf zu achten, dass die ausgearbeiteten Pläne unter dem Gesichtspunkt der Mulitkulturaliät entworfen und die indigenen Völker im jeweiligen Gebiet in einem partizipativen und demokratischen Vorgang berücksichtigt werden. Das bringt einen Prozess der Sensibilisierung, der Bildung und auch der Mitsprache bei Arbeitsmethoden mit sich.

Welche Botschaft möchtest du anderen Frauen vermitteln, damit sie weiterkommen?
Ich glaube, dass wir durch alles, was wir erleben, von unserer Kindheit bis zum Abschluss der Ausbildung hin, Erfahrungen sammeln. Ich glaube, dass es viele Frauen gibt, die sich die Dinge zu sehr zu Herzen nehmen, und das beeinträchtigt sie und sie verlieren ihr ganzes Leben. So sollte es nicht sein. Wir sollten die guten und die schlechten Erfahrungen als Lektionen zum Überleben betrachten und weiter machen. Ich glaube, dass alle Frauen sehr fähig und unsere Herausforderungen groß sind. Als Sozialarbeiterin gab es eine Zeit, da dachte ich, dass es bei mir beruflich nicht gut liefe, denn ich würde auf einem niedrigen Niveau bleiben. Aber ich habe immer davon geträumt, eine gebildete Frau zu sein, die den Willen zum Lernen und zur Weiterbildung hat. Und genau das hat mich weiter gebracht. Mit meinem Beruf kann ich viel für mein Land tun. So sehe ich das. Denn früher, als wir nichts tun konnten, haben wir davon geträumt, in diesem Staat zu sein und Veränderungen herbei zu führen. Nun ist das tatsächlich in Erfüllung gegangen. Jetzt ist die Verantwortung viel größer, und wir müssen viele Dinge tun. Ich habe es geschafft, habe als berufstätige Frau Einfluss und kann Entscheidungen für mein Land treffen!

Das Stipendium von MIRIAM war für mich wie ….
… eine große Hilfe, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern vor allem in emotionaler. MIRIAM gab mir Sicherheit, ich wusste, dass ich ein Stipendium habe und dass ich es jeden Monat ausbezahlt bekommen würde. Das hat mich ziemlich motiviert und mir Mut zum Weitermachen gegeben. Eine Zeit lang arbeitete ich als Koordinatorin mit den Kolleginnen in Quetzaltenango. MIRIAM hat mich voran gebracht und zu seiner Zeit habe ich auch alles getan, was ich konnte, um anderen Stipendiatinnen zu helfen.

ERFAHRUNGSBERICHTE 2

JUANA SALES MORALES, 43, Historikerin

Wie sah deine persönliche Situation aus, bevor du das Stipendium von MIRIAM erhalten hast?
Ich hatte nur die Grundschule besucht, wegen des Krieges konnte ich nicht weiterlernen. Die Jahre vergingen, ich heiratete. Ich war eine normale Frau, eine Hausfrau wie so viele in den Ortschaften, in denen es nicht mehr Möglichkeiten gibt, als Hausfrau zu sein. Mein Engagement in der sozialen Bewegung hat mir die Augen geöffnet. Das hat mein Bewusstsein geweckt und zu meiner Entwicklung beigetragen. Nach der Unterzeichnung der Friedensverträge kam ich nach Guatemala Stadt, nutzte die Chance eines Bildungsprogramms für Erwachsene und holte den Schulabschluss nach. Ich wollte gerne an der Universität studieren, aber das war sehr schwierig, denn ich hatte keine richtige Arbeit. Meine sporadischen Fortbildungen waren keine Garantie für ein fixes Einkommen. Trotz dieser Schwierigkeiten wagte ich es und inskribierte an der Universität. Ich erinnere mich, dass ich im Interview bei MIRIAM gefragt wurde, was ich tun würde, wenn ich das Stipendium nicht bekäme, ob ich weiter studieren würde oder nicht. Für mich war immer klar, dass ich mit oder ohne Stipendium weiter studieren würde. Das heißt jetzt aber nicht, dass mir das Stipendium nichts bedeutete. Es war sehr wichtig für mich. Doch selbst wenn ich es nicht bekommen hätte, hätte ich meine Lage irgendwie meistern müssen.

Wie veränderte sich deine Situation mit dem Stipendium?
Im ersten Moment stürzte ich trotz des Stipendiums in eine tiefe Krise, da ich keine fixe Arbeit hatte. Ich hatte auch keinerlei Unterstützung durch meinen Ex-Mann, von dem ich mich gerade erst getrennt hatte. Ehrlich gesagt, bezahlte ich in den ersten sechs Monaten die Miete von meinem Stipendium. Danach hatte ich einen Job und konnte das Geld für die Universität verwenden, für Fahrgeld und Bücher. Um studieren zu können, musste ich meine Kinder in ein Internat schicken, denn ich konnte mir niemanden zum Aufpassen für sie leisten. Alle zwei Wochen sah ich sie nur am Wochenende. Ich holte sie am Samstag ab und brachte sie am Sonntag zurück. So ging es die ersten beiden Jahre. Nur so konnte ich an der Uni studieren. Meine Situation wurde schwieriger, als ich im dritten Studienjahr auf Grund meiner Arbeit öfters in den Norden des Landes musste. Um meinen Abschluss an der Uni zu machen, musste ich jeden Samstag um zwei Uhr früh mit dem Bus nach Guatemala Stadt fahren, und ich habe kein einziges Mal gefehlt!

Was hast du mit dem Stipendium studiert und wo arbeitest du zurzeit?
Mit dem Stipendium machte ich den Abschluss als Mittelschullehrerin für Geschichte. Nach der Lehramtsprüfung studierte ich noch weiter bis zum Magisterium, allerdings ohne Stipendium, denn ich hatte schon einen guten Job und der Stipendienplatz wurde an eine andere, bedürftigere Frau vergeben. Obwohl es mir gefallen hätte, das Doktorat zu machen, spezialisierte ich mich auf die Arbeit mit den Leuten am Land. Seit dem Jahr 2000 habe ich viele Erfahrungen bei der Arbeit gesammelt. Ich habe mit verschiedenen Organisationen und Institutionen gearbeitet und das hat mir geholfen, Neues kennenzulernen. Momentan arbeite ich für eine neue und unabhängige Organisation indigener Frauen. Alle Frauen im Leitungsteam kommen aus der Sozialbewegung. Wir glauben, dass es wichtig ist, dass indigene Frauen ihre Anliegen selbst vertreten, damit nicht länger andere für uns sprechen und entscheiden, so wie es früher war. Ich fühle mich heute so jung wie vor zehn Jahren, aber nicht mehr mit dieser Angst wie damals. Ich habe viel mehr Kenntnisse und Fähigkeiten.

Welche Botschaft möchtest du anderen Frauen vermitteln, damit sie weiterkommen?
Als Frauen müssen wir uns unseren Platz erobern. Erstens müssen wir wissen, was wir in unserem Leben wollen, welche Veränderungen wir wollen. Zweitens müssen wir uns Ziele stecken. Und drittens braucht es wirklich Ausdauer. Die Dinge, die du angefangen hast, musst du abschließen. Das ist Teil deiner Persönlichkeit und gehört zu deiner Entwicklung. Ich habe wirklich schwierige Zeiten durchgemacht, aber mein Ziel war es, zu studieren, besser zu werden, zu zeigen, dass ich auch etwas kann und weiß. Wir müssen daran glauben, dass es für uns keine Grenzen gibt, dass nichts unmöglich ist. Das ist vor allem für uns indigene Frauen wichtig, die wir ständig gehört haben, dass wir nichts können, dass wir nichts wissen und dass wir unfähig sind. Es ist eine Herausforderung, unsere Fähigkeiten trotz der erlebten Unterdrückung in der Praxis umzusetzen. Auch wenn es schwierig für uns ist, Entscheidungen zu treffen. Auch wenn wir Angst haben. Es ist wichtig, dass wir diese Angst überwinden und sagen können, dass jede Frau ihren Platz und ihre Fähigkeiten hat.

Das Stipendium von MIRIAM war für mich...
… etwas ganz Besonderes. MIRIAM hat mich geprägt und ist für mich immer gegenwärtig ist. Es ist ein Fixpunkt, wo wir Frauen viel lernen. Ich habe die Veränderung im Leben vieler Frauen gesehen und möchte dem Projekt gratulieren, dass es seine Arbeit ausweiten konnte, denn es gibt viele andere Frauen, die die Unterstützung von MIRIAM brauchen. Ich fühle mich dem Projekt gegenüber sehr verpflichtet, nicht nur weil ich zwei Jahre lang ehrenamtlich die stellvertretende Vorsitzende von MIRIAM-Guatemala war. Wann immer ich gebraucht werden sollte, werde ich zur Verfügung stehen!

Juana Sales Morales wurde 2010 als Vertreterin der indigenen Frauen in den Vorstand des „Consejo Nacional para el Seguimiento de los Acuerdos de Paz“ (Nationaler Rat zur Umsetzung der Friedensabkommen) gewählt!